Daseinsvorsorge und soziale Teilhabe alter Menschen in Kommunen

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Mit dem Älterwerden der Gesellschaft und den damit verbundenen Konsequenzen entstehen für Kommunen zentrale Herausforderung: Da die Zahl der alten Einwohner in Deutschland stetig ansteigt, verändert sich auch das Alltagsleben der Menschen. An welche Voraussetzungen sind Daseinsvorsorge und die soziale Teilhabe für ein gutes Leben alter Menschen geknüpft? Und auf welche Weise können Kommunen sowie die lokale Politik Strukturen der Sorge und Mitverantwortung aufbauen und gestalten?

Inhalt
Daseinsvorsorge

Teilhabe und Lebensqualität sichern
Gestaltung und Organisation sozialräumlicher Bedingungen
Modernisiertes Verständnis kommunalen Handelns fördern

Nutzen für Kommune und Gesellschaft

Wertvolle Ressourcen des Alters
Integrierte Betreuungsstrukturen entlasten Sozialkassen
Die Alten haben ein Recht, in der Mitte der Gesellschaft zu leben
Auch Demenzpatienten sollen am sozialen Leben teilnehmen können

Daseinsvorsorge

Teilhabe und Lebensqualität sichern

Daseinsvorsorge ist nicht lediglich die Erbringung von Gütern und Dienstleistungen, um Menschen als passive Leistungsempfänger zu versorgen. Vielmehr soll sie es ermöglichen, ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen und in Selbst- und Mitverantwortung am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Denn Teilhabe und Lebensqualität im Alter hängen nicht nur von bundesweit einheitlich geregelten Strukturen und Leistungen (etwa der Sozialversicherung) ab, sondern in großem Maße auch von der lokalen Infrastruktur und den sozialen Netzen am Wohn- und Lebensort.

Gestaltung und Organisation sozialräumlicher Bedingungen

Es ist nicht sinnvoll, die Leistungen der Daseinsvorsorge allgemeingültig festzuschreiben und zu standardisieren. Die Ausgestaltung der Daseinsvorsorge sollte eher von den beabsichtigten Zielen und Wirkungen abgeleitet werden. Dies bedeutet auch, dass die Sicherung der Daseinsvorsorge nicht über Mindeststandards geregelt werden kann. Vielmehr kommt es auf eine Gestaltung und Organisation der sozialräumlichen Bedingungen an. Entscheidungen über den Stellenwert und die Ausgestaltung der verschiedenen Bereiche sollen dabei in einem demokratisch legitimierten Aushandlungsprozess zwischen Bürgern, Gesetzgeber und Verwaltung getroffen werden. Dabei sollten die Kommunen die Daseinsvorsorge als Ganzes und ihre Gesamtwirkung auf die Lebensqualität der Menschen in den Blick nehmen, statt einzelne Leistungen isoliert zu betrachten.

Modernisiertes Verständnis kommunalen Handelns fördern

Für die Rathäuser bedeutet dies eine neue Anforderung: Zusätzlich zu den klassischen Verwaltungsaufgaben muss kommunale Steuerung auf das Koordinieren, Aktivieren und Befähigen einer Daseinsvorsorge ausgerichtet werden, die den Rahmen auch für die Ermöglichung gesellschaftlicher Teilhabe und das selbstbestimmte Leben älterer Menschen setzt. Bund und Ländern wiederum kommt die Aufgabe zu, die entsprechenden rechtlichen, organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen zu schaffen.

Nutzen für Kommune und Gesellschaft

Wertvolle Ressourcen des Alters

Im Umgang mit dem demografischen Wandel gewinnen die Ressourcen des Alters eine besondere Bedeutung: Zu nennen sind hier zunächst jene älteren Menschen, die über ausreichende finanzielle Ressourcen verfügen, um Dienstleistungen und Waren kaufen und damit den jeweiligen Wirtschaftsstandort stärken zu können. Des Weiteren drücken sich die kognitiven, emotionalen und sozialkommunikativen Ressourcen älterer Menschen in den verschiedenen Formen der Partizipation und des Engagements innerhalb einer Kommune aus. Durch diese Ressourcen können ältere Menschen zum Aufbau und zur Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaften beitragen, was die Verwirklichung einer Sorgekultur oder Verantwortungsgemeinschaft fördert.

Integrierte Betreuungsstrukturen entlasten Sozialkassen

Hinzu kommt ein Kostenentlastungseffekt, der sich daraus ergeben kann, dass niedrigschwellige Angebote der Betreuung nicht professionell, sondern ehrenamtlich oder im Rahmen von Nachbarschaftshilfe erbracht werden. Da die Städte und Gemeinden nicht steuern können, wie viele Pflegeheimplätze entstehen und private Anbieter darauf bedacht sind, ihre Heimplätze zu belegen, könnten durchaus auch solche Senioren ins Heim kommen, denen ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden – eine entsprechende Unterstützung vorausgesetzt – noch möglich wäre. Wenn dann diese Senioren oder deren Angehörige die Heimkosten nicht mehr tragen können, müssen die Kommunen mit der Hilfe zur Pflege einspringen. In Jena (Thüringen), um nur ein Beispiel zu nennen, betrifft das jeden siebten Pflegebedürftigen. Im Jahr 2015 waren es rund 460 Personen, die Unterstützung vom Sozialamt erhielten, was die Stadt rund 4,5 Millionen Euro kostete.

Die Alten haben ein Recht, in der Mitte der Gesellschaft zu leben

Schließlich muss es aus gesellschaftspolitischer Sicht eine Selbstverständlichkeit sein, Alte nicht zu vergessen und abzuschieben, sondern sie in der Mitte der Gesellschaft zu halten. Die Ausgrenzung und Isolation, die sich daraus ergeben kann, bedeuten für Senioren eine enorme Einschränkung und stellen eine Verletzung ihrer persönlichen Würde dar.

Die Wahrnehmung des Älterwerdens als zum Leben so selbstverständlich dazugehörender Abschnitt wie Kindheit und Jugend muss gefördert werden. Hier leisten lokale Strukturen des Kümmerns, Betreuens und Pflegens, die Kommunen entwickeln, einen wichtigen Beitrag. Denn mit ihrem Aufbau geht ja die öffentliche Diskussion um dieses Thema einher, was die Bedürfnisse der alten Menschen in der Stadt oder Gemeinde automatisch stärker in die Wahrnehmung der Jüngeren rückt.

Auch Demenzpatienten sollen am sozialen Leben teilnehmen können

Die Teilhabe von Senioren am gesellschaftlichen Leben zu fördern, ist auch mit Blick auf die steigende Zahl von Demenzkranken in Deutschland ein Muss. Erkrankt ein Mensch an Demenz, stellt dies den Betroffenen und seine Angehörigen vor große Herausforderungen. Menschen mit Demenz gelten als „schwierig“ und gehören plötzlich nicht mehr dazu. Es herrscht Unverständnis und Unsicherheit. Dabei sind demenzkranke Menschen wie andere auch – mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Vorstellungen. Sie brauchen Verständnis und Unterstützung.

Autor: Wolfram Markus (Chefredakteur des kommunalen Fachmagazins „der gemeinderat“ (www.treffpunkt-kommune.de) und Herausgeber des Handbuchs „Verwaltungsmanagement & Kommunalpolitik“)


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