Gesellschaftliche Verrohung

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„Wir müssen unser gemeinsames demokratisches Grundverständnis schützen!“

Dass Politiker beleidigt, bedroht und gar tätlich angegriffen werden, ist keine neue Erscheinung. Allein 2017 und 2018 wurden über 2.700 Amts- und Mandatsträger Opfer einer Straftat. Mit dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni 2019 haben Hass, Hetze und Bedrohungen allerdings eine neue Dimension erreicht. Im Interview mit dem Politologen und Psychologen Prof. Dr. Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendal erkundete Wolfram Markus, Herausgeber des Praxisratgebers „Verwaltungsmanagement & Kommunalpolitik“, die Gründe, warum sich gesellschaftliche Verrohung massiv breitmacht, die Gewaltbereitschaft steigt und auch vor Mord an Politikern nicht zurückgeschreckt wird. Mit Thomas Kliche sprach er auch darüber, wie der Staat und die demokratischen Politiker mit Populisten umgehen sollten, die zugleich Ursache und Katalysatoren dieser Entwicklungen sind.

Herr Professor Kliche, Hassreden und Hetze gegen Andersdenkende und Fremde sind zu allgegenwärtigen Erscheinungen in den sozialen Medien geworden und zunehmend werden Politiker auch der kommunalen Ebene massiv bedroht. Was ist los in unserer Gesellschaft, dass sich Verrohung breitmacht, die Gewaltbereitschaft steigt und auch vor Mord an Politikern nicht zurückgeschreckt wird?

Kliche: Hier kommen mehrere Faktoren zusammen. Jeder einzelne ist für sich handhabbar, aber sie fließen in Ablehnung zusammen. Ablehnung ist gegen „etwas“, also völlig unbestimmt. Ablehnung kann deshalb immer große Mengen von Menschen scheinbar vereinigen, die sich in Wirklichkeit gar nicht einig sind. Zum Hassen braucht man ja keinen machbaren und konsensfähigen Lösungsentwurf, sondern nur einen Sündenbock. Dadurch wirkt das Problem schwer lösbar.

Also zerlegen wir es einmal – wo liegen die Quellen?

Kliche: Erstmal erzeugt unsere Konsum- und Spaßgesellschaft in Massen Schönwetterdemokraten. Das sind Leute, die freuen sich, wenn alles gut läuft, ohne dass sie etwas dafür tun müssen. Also: Bitte Wohlstand und Sicherheit in unbegrenzter Menge, aber ohne Verpflichtungen. Wir müssen deshalb in der Schule, im Studium und am Arbeitsplatz viel stärker auf Verantwortungsbewusstsein abheben. Das ist für unsere Zukunft vielleicht wichtiger als Leistung. Zweitens gibt es unter den Älteren, gerade in Ostdeutschland, eine Erwartung, die heißt Vorsorgestaat. Es ist ja eine gute Sache, wenn der Sozialstaat für alle eintritt und uns vor Elend schützt. Aber: Wir müssen schon in Kita und Schule unterstützen, dass Menschen sich selbst und ihr Leben zu steuern lernen. Dazu brauchen sie vielleicht weniger französische Grammatik oder organische Chemie und dafür mehr Projekte, Erkundung, Gruppenarbeit, mehr Möglichkeiten, die eigenen Kräfte auszuprobieren.

… und drittens?

Kliche: Wir erleben eine umfassende Verunsicherung über ungezähmte Bedrohungen weltweit – Klimakatastrophe, Wirtschaftskriege, Überschuldung, Brexit, Migration, Corona. Die Menschen haben einen Globalisierungsschock erlebt, denn Richtung und Art unserer Zukunft sind ungewiss. Einfache Gemüter suchen sich dafür einfache Erklärungen – Verschwörungstheorien, Sündenböcke. Auf die darf man losgehen, und alles wird irgendwie gut. Wir müssen also viel mehr aktive Veränderungskommunikation betreiben, also an Szenarien arbeiten, uns über strategische Wege verständigen, Visionen von den Parteien fordern – oder selbst entwickeln! Viertens vermittelt die Konkurrenzgesellschaft eine solide Grundübung in Egoismus. Hier ist die Politik ein ungewolltes, unerfreuliches Vorbild – Diesel-Kumpanei, Maut-Verschwendung, BER-Farce, und niemand wird zur Verantwortung gezogen. Das hat eine ganz böse Ausstrahlung.

Wird Corona alles ändern?

Kliche: Das ist offen. Einerseits machen die Menschen die Erfahrung, wie wichtig Bürgertugend, Disziplin und die gemeinsame Bewahrung des Gemeinwohls sind. Andererseits profitiert der Hass von Krisen, der Populismus hat seine Normalwählerschaft ausgeschöpft und kann nur noch durch Krisen wachsen. Die Entscheidung wird dabei fallen, wie wir unsere Wirtschaft wieder aufbauen: Wie viele werden wirksam unterstützt, wie viele verlieren Lebenswerk oder Lebensentwurf? Gelingt uns das Zusammenfügen von Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Solidarität? Da werden die Kommunen entscheidende Labors für machbare neue Wege und Lösungen sein.

Das vollständige Interview können Sie in unserem Produkt Verwaltungsmanagement & Kommunalpolitik nachlesen.


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