Wie man mehr Kandidatinnen für das Bürgermeisteramt gewinnt

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Wie sieht der Weg für Kandidatinnen ins Bürgermeisteramt aus? Und wie wirken sich gesamtgesellschaftliche Geschlechterstereotype und -rollen auf die jeweiligen Wegabschnitte aus?

Kandidatinnen Bürgermeisteramt
Der Weg ins Bürgermeisteramt (Quelle: Uta Kletzing, Grafik: Wolfram Markus)

Aus der Genderperspektive hat sich die Nominierung für die Kandidatur als entscheidendes „Nadelöhr“ herausgestellt, an dem potenzielle Kandidatinnen für das Bürgermeisteramt scheitern (und nicht etwa daran, dass sie nicht gewählt werden): entweder, weil sie sich erst gar nicht bewerben (Schaltstelle 1) oder weil sie sich gegenüber Mitbewerbern nicht durchsetzen können und nicht nominiert werden (Schaltstelle 2).

Inhalt

Wer ist zuständig?

Es ist zum einen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die überall gegenwärtigen Platzanweisungen qua Geschlechterzugehörigkeit, die die Lebensentwürfe von Individuen prägen, zu erkennen und abzuschaffen. Zum anderen haben die konkreten gesellschaftlichen Bereiche und deren Akteure, eine Wahl im Umgang mit Geschlechterstereotypen und -rollen: Sie können entweder die Missstände auf gesamtgesellschaftlicher Ebene einfach an Frauen und Männer „durchreichen“ und auf Gestaltung verzichten. Oder aber sie können bewusst gestalten und Frauen und Männern innerhalb ihres Einflussbereichs und im Rahmen ihrer Möglichkeiten Chancen eröffnen.

Kandidatinnen Bürgermeisteramt
Zuständige Akteure für das Finden von Bürgermeisterinnen (Quelle: Uta Kletzing, Grafik: Wolfram Markus)

Bewerbung von Kandidatinnen für Bürgermeisteramt – Wege und Erfahrungen

Mehrheit der amtierenden Bürgermeisterinnen kam nicht selbst auf Bewerbungsidee

Was wissen wir über die Schaltstelle „Entscheidung für die Bewerbung“ erfolgreicher Bürgermeisterinnen? Und welche Maßnahmen lassen sich daraus für die Suche nach zukünftigen Kandidatinnen für das Bürgermeisteramt ableiten?

Wir wissen, dass die Mehrheit von ihnen:

  • nicht selbst auf die Bewerbungsidee gekommen ist, sondern durch irgendwen oder irgendwas den Impuls erhielt
  • in einer „Verlegenheitssituation“ zur Bewerbung aufgefordert wurde, soll heißen: Die Wahl galt aus Parteisicht als aussichtslos, und die Partei war deshalb um Bewerber „verlegen“
  • nicht sofort zugesagt hat, sondern Entscheidungszeit brauchte
  • die Entscheidung unter sehr hohem Zeitdruck treffen musste
  • folgende zentrale Fragen für sich klären musste, bevor sie sich für die Bewerbung entscheiden konnte: „Kann ich das (mit meinem Leben vereinbaren)? Will ich das (für mich und mein Umfeld)?

Männer bekommen Vertrauensvorschuss, Frauen Misstrauensvorschuss

Eine Quasinominierung besteht darin, dass die Kandidaten mit sehr langem zeitlichem Vorlauf (drei bzw. fünf Jahre) vor ihrer Erstwahl ins Bürgermeisteramt zunächst für eine „Sprungbrettposition“ (Fraktionsvorsitzender, ehrenamtlicher Bürgermeister, Beigeordneter usw.) rekrutiert werden und ihnen bereits zu diesem Zeitpunkt in Aussicht gestellt wird, als Kandidat für die dann folgende Bürgermeisterwahl nominiert zu werden. Sie werden also zeitlich vorgezogen „quasinominiert“.

Der mit der Quasinominierung verbundene zeitliche Vorlauf führt dazu, dass die politisch-beruflichen Werdegänge zwar noch wenig einschlägig sind, durch die Sprungbrettpositionen und durch die verbleibende Zeit jedoch einschlägig werden, beispielsweise um eine lokale Bindung zu entwickeln. Das Pfund dieser Kandidaten besteht im Zutrauen der Ortsparteien zum Zeitpunkt ihrer Quasinominierung, dass sie drei bzw. fünf Jahre später geeignete Bürgermeisterkandidaten sein werden. Den Quasinominierten wird also ein enormer Vertrauensvorschuss zuteil, denn sie bekommen gezielt die Chance seitens ihrer Ortspartei, ihre Werdegänge bzw. Lebenszusammenhänge aufzubessern.

Demgegenüber haben Frauen es mit einen Misstrauensvorschuss zu tun, was ihre allgemeine Eignung für die Politik betrifft. Etwas überspitzt gesagt, funktioniert die „Beweislast“ bei Frauen und Männern umgekehrt: Frauen müssen ihre Eignung beweisen und – häufig auch noch als Amtsinhaberinnen – gegen Angriffe verteidigen. Männern wird die gewissermaßen gesetzte, spätestens mit Nominierung und Wahl nicht mehr hinterfragte positive Eignungsbeurteilung erst entzogen, wenn ihre Nichteignung zutage tritt.

Zukünftige Bürgermeisterinnen finden bedeutet deshalb, auch gerade ihnen eine langfristige politische Entwicklungs- und Aufstiegsplanung zuteilwerden zu lassen. Dadurch würde auch der sehr hohe Zeitdruck der Entscheidungsfindung verringert werden.

Aufforderung zur Bewerbung

Fehlende Eigeninitiative bedeutet nicht zwingend Desinteresse

Dass Frauen sich weniger bis gar nicht aktiv um eine Kandidatur für das Bürgermeisteramt bewerben, überrascht nicht wirklich. Es lässt sich als Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Ausgangslage – u.a. das Klischee und die Beobachtung von Politik als „Männersache“ und des daraus resultierenden schwach bis gar nicht ausgeprägten Selbstverständnisses von Frauen, (kommunal-)politische Karriere zu machen – nahezu verstehen.

Umso wichtiger ist es, dass alle informellen wie formellen „Scouts“ für potenzielle Bürgermeisterinnen eine ausbleibende aktive Interessensbekundung von Frauen nicht als Desinteresse deuten. Vielmehr ist die aktive Ansprache von Kandidatinnen für das Bürgermeisteramt wichtig, um zwischen tatsächlichem Desinteresse und einem bis dato fehlenden Selbstverständnis einer zukünftigen „Frau Bürgermeisterin“ unterscheiden zu können.

Die Erfahrungsberichte der heute vielfach sehr erfolgreichen Bürgermeisterinnen zeigen, dass erst durch die Ansprache von außen in ihnen die Idee geweckt und ein Klärungsprozess angestoßen wurde, der am Ende nicht nur in ihre Bewerbung, sondern auch in Nominierung und Wahl mündete.

Frauen nicht als Verlegenheitskandidatinnen nominieren

Außerdem zeigen die Erfahrungsberichte erfolgreicher Amtsinhaberinnen: Sie wurden zur Bewerbung aufgefordert und in der Regel als einzige Bewerberin nominiert, weil die Ortspartei aufgrund der schlechten Wahlaussichten um männliche Bewerber „verlegen“ war.

Wenn die Bewerbungen von Frauen nur angefragt werden, wenn der Wahlgewinn unwahrscheinlich erscheint, hingegen bei aussichtsreichen Wahlen nicht, bedeutet das dreierlei:

  1. Frauen haben nicht die gleichen Chancen auf Wahlerfolg wie Männer.
  2. Es mutet als Maßnahme zur Steigerung des Bürgermeisterinnenanteils sehr halbherzig an, wenn Frauen nur in Verlegenheitssituationen zur Bewerbung aufgefordert werden. Als Maßnahme ernst zu nehmen ist die Aufforderung nur, wenn sie auch bei aussichtsreichen Wahlen erfolgt.
  3. Solange Frauen nur in Verlegenheitssituationen kandidieren (dürfen), verbietet es sich, den Anteil erfolgreich gewählter Kandidatinnen mit dem Anteil erfolgreich gewählter Kandidaten zu vergleichen, weil Kandidatinnen von vornherein aussichtsloser kandidieren als Kandidaten.

Unterstützung beim Klärungsprozess

Passung zwischen Amt und der eigenen Person

Die beiden zentralen Fragen, auf die Frauen Antworten suchen, wenn sie ihre Bewerbung um eine Kandidatur als Bürgermeisterin abwägen, sind:

Kann ich das (mit meinem Leben vereinbaren)?
Will ich das (für mich und mein Umfeld)?

Im Kern geht es um die Passung von

  • einerseits dem Weg ins Amt (sprich: Wahlkampf) sowie dem Amt selbst und
  • andererseits der eigenen Person (sprich: Kompetenzen, berufliche Pläne und Motive) sowie der außerberuflichen Lebenssituation

Wichtig: Es gilt, Entscheidungshilfen anzubieten und Rollen zu klären. Potenzielle Bewerberinnen haben vor ihrer Bewerbung folgende Klärungs- und Unterstützungsbedarfe:

  • Entscheidungshilfen, um Zweifel auszuräumen
  • Selbstvertrauen, um auch bei Gegenwind zur Kandidatur zu stehen
  • Rollenklärung in allen Phasen
  • Klarheit über Zeitbudget, Kosten und Aufwand
  • Klarheit über Kandidatur und Amtsgestaltung

Mentales Muster „Think manager think male“

Der „Beruf Bürgermeister“ lädt zu klischeehaften Berufsvorstellungen ein, und auch das Frausein ist aufgrund klischeehafter Weiblichkeitsvorstellungen für gewisse „Verengungen“ anfällig.

Daher muss es im Klärungsprozess vorrangig darum gehen, dass die potenziellen Bewerberinnen

  • möglichst viele Informationen zum Weg ins Amt und zum Amt selbst bekommen und
  • Gelegenheit haben, die Aufstellung der eigenen Person und der außerberuflichen Lebenssituation möglichst umfassend zu explorieren.

Das passiert zum einen durch

  • Selbstreflexion (z.B. unterstützt durch ratgebende Bücher) bzw.
  • begleitete Selbstreflexion (z.B. Coaching)

Der Ratgeber „Bürgermeisterin werden – Fahrplan ins Amt. Praxistipps und Coachingtools“ von Hanne Weisensee (2019) beispielsweise ist sehr zu empfehlen.

Austausch mit Vorbildern und Vernetzung mit Gleichgesinnten

Zum anderen sind jedoch gerade in dieser Phase auch der Austausch mit Vorbildern und die Vernetzung mit Gleichgesinnten unersetzlich.

Um diese Unterstützung kurzfristig und passgenau zu bekommen, können potenzielle Kandidatinnen für das Bürgermeisteramt jede Hilfe gebrauchen. Hier sind, wie schon bei der Suche nach Bewerberinnen, alle mit der kommunal(politisch)en Ebene befassten Akteure, insbesondere die Entscheidungsträger in Bezug auf die Ausgestaltung und Besetzung von Bürgermeisterämtern, gefragt: gegenwärtige Amtsinhaber, Parteien und insbesondere ihre kommunalen Parteiorganisationen und Fortbildungsakademien, kommunale Spitzenverbände, die KGSt, Verwaltungshochschulen usw. Diese Akteure müssen selbst entsprechende Angebote machen und den potenziellen Bewerberinnen Hinweise und Orientierung geben, wo es solche Angebote gibt.

Diese Angebote sind im Rahmen eines konkreten Klärungsprozesses für ein konkretes Anliegen, wie es die eigene Bewerbung um die Bürgermeisterkandidatur ist, besonders zentral. Jedoch gilt generell, dass es gar nicht genug solcher Angebote geben kann. Denn: viele Frauen, die bereits in den Politikbetrieb eingetreten sind oder die es noch vorhaben, haben Klärungsbedarfe, wie der Politikbetrieb, sie selbst und ihre Lebenssituation zusammenpassen. Hier sei erneut das Empowerment von Frauen erwähnt, also ihr „Mächtig(er)machen“ durch Maßnahmen, die sie ermutigen und bestärken. Empowerment-Angebote sind je nach Zielgruppe parteiübergreifend wie parteiintern sinnvoll. Typische Beispiele sind

Hohe Bedeutung von Netzwerken

Empowerment bleibt auch im Amt wichtig, wie die in den letzten Jahren gegründeten Bürgermeisterinnen-Netzwerke in Deutschland (z.B. Bayern, Nordrhein-Westfalen) und auch Bestrebungen der europäischen Vernetzung von Bürgermeisterinnen (z.B. Projekt „Mayoress“, www.eaf-berlin.de/projekt/buergermeisterinnen-frauen-in-der-politik) zeigen. Diese Netzwerke sind nicht nur rückenstärkend für ihre Mitglieder, sondern auch wichtig für die Suche nach zukünftigen Bürgermeisterinnen. Denn: die Amtsinhaberinnen werden als Gruppe erfolgreicher Bürgermeisterinnen sichtbar und tragen damit dazu bei, dass Klischees und Beobachtungen von kommunaler Spitzenpolitik als „Männersache“ bröckeln (können). Auch können sie sich gemeinsam dezidierter für das Anliegen der besseren Repräsentanz von Frauen im Bürgermeisteramt einsetzen als Einzelkämpferinnen und als auskunftsfähige Vorbilder Klärungsprozesse potenzieller Bewerberinnen begleiten.

Zentral bei Empowerment-Maßnahmen ist, dass sie nicht den Anschein von „Nachhilfe“ oder notwendiger „Aufbesserung der Qualifikation“ speziell für Frauen erwecken. Der Duktus, mit dem solche Angebote gerahmt werden müssen, ist deshalb die Männerdominanz als gesamtgesellschaftliche und auch kommunalpolitische Spitzenpositionen betreffende Ausgangslage. Diese geht für Frauen mit anderen Hürden einher als für Männer, weshalb es für sie gezielter Angebote für den Umgang mit diesen Hürden bedarf.

Geschlechterrollen auflösen

Wer „kann“ Bürgermeisterin? Wer „will“ Bürgermeisterin? Die Beispiele aktueller und ehemaliger Amtsinhaberinnen geben Aufschluss darüber, welche Werdegänge bzw. Lebenszusammenhänge Frauen mitbringen (müssen), die eine erfolgreiche (kommunal-)politische Karriere hinlegen. Weil andere diese Voraussetzungen bei ihnen erkannt haben, wurden sie zur Bewerbung aufgefordert. Weil sie die Fragen nach dem Können und Wollen für sich positiv beantworten konnten, sind sie dieser Aufforderung gefolgt. Diese Voraussetzungen sind im Übrigen zwischen gegenwärtigen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern sehr ähnlich.

Kandidatinnen Bürgermeisteramt
Werdegänge und Lebenszusammenhänge gewählter Bürgermeister (links) und daraus abgeleitete Eignungskriterien (rechts) (Quelle: Uta Kletzing, Grafik: Wolfram Markus)

Geschlechterbezogener „biografischer Faktor“ ist bei Eignungsbeurteilung potenzieller Bewerberinnen in Rechnung zu stellen

Die großen biografischen Gemeinsamkeiten gegenwärtiger Bürgermeisterinnen und Bürgermeister erklären sich damit, dass die erfolgreich nominierten und später dann gewählten Kandidatinnen und Kandidaten durchweg den innerparteilichen Nominierungskriterien und den Wahlkriterien der Wähler standgehalten haben und ihnen dadurch der Zugang zu Kandidatur und Amt möglich war.

Dennoch gibt es „feine Unterschiede“ innerhalb der großen Gemeinsamkeiten, die sich als empirische Spuren der gegenwärtigen gesamtgesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse deuten lassen. Diese machen auch vor den Werdegängen bzw. Lebenszusammenhängen von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern nicht Halt. Sie betreffen vorrangig die politisch-beruflichen Werdegänge, die Familienverhältnisse sowie das Ausmaß der Verwobenheit der verschiedenen Lebensbereiche miteinander. Zukünftige Bürgermeisterinnen finden heißt auch, diesen geschlechterbezogenen „biografischen Faktor“ bei der Eignungsbeurteilung potenzieller Kandidatinnen für das Bürgermeisteramt immer in Rechnung zu stellen.

Frauen sind von geschlechterbezogenen Benachteiligungen betroffen

Die feinen Unterschiede in den politisch-beruflichen Werdegängen entspringen zum einen der geschlechtlichen Typisierung ganzer gesellschaftlicher Bereiche. Die beiden typischen Karrierewege ins Bürgermeisteramt, der „Karriereweg Kommunalpolitik“ und der „Karriereweg Verwaltung“, benennen die beiden zentralen gesellschaftlichen Bereiche für den politisch-beruflichen Werdegang ins Bürgermeisteramt: Kommunalpolitik und Verwaltung. Wir wissen: Beide gelten als eher „männlich“ typisiert. Deshalb finden Frauen zu ihnen – wenn überhaupt – häufiger als Männer erst biografisch später einen Zugang und ihre Werdegänge innerhalb dieser Bereiche unterliegen – anders als die von Männern – jeweils geschlechterbezogenen Benachteiligungen.

Zum anderen merkt man den politisch-beruflichen Werdegängen von Frauen häufiger die Vereinbarkeitsproblematik an. Wenn Frauen Mütter sind, sind die Familienverhältnisse mehr als für Väter ein zentraler Taktgeber ihres politisch-beruflichen Aufstiegs. Der für eine Bürgermeisterkandidatur notwendige politisch-berufliche Aufstieg fällt für weibliche wie männliche Bewerber zudem genau in die Phase der sog. Rushhour des Lebens (zwischen 25 und 45 Jahren). In der stehen – wenn gewünscht und möglich – die Familiengründung und einige Jahre lang ein sehr hoher Fürsorgebedarf für Kinder an.

Für Mütter wird familiäre Situation zum Taktgeber

In dieser Phase wird die familiäre Situation für Mütter zum Taktgeber der anderen Lebensbereiche. Für die potenziellen Kandidatinnen für das Bürgermeisteramt steht – anders als für männliche Bewerber – immer mindestens einer der drei aufstiegsrelevanten Lebensbereiche (Beruf bzw. Karriere, politisches Ehrenamt und Familie) zur Disposition, weil sie in der Regel nicht in Familienmodellen leben, in denen sie selbst die Ernährerinnen der Familien sind, und folglich die Fürsorgepflichten nicht an die Väter delegieren können. Kinderlose Bürgermeisterinnen schildern ihre Kinderlosigkeit als Bedingung dafür, dass sie sich ganz dem Beruf und der ehrenamtlichen Politik widmen konnten. Nur wenn man keine Kinder bekommen hat oder wenn man von der Fürsorge für sie qua „Ernährermodell“ entlastet wurde, lassen sich die für den Aufstieg ins Bürgermeisteramt notwendigen Voraussetzungen zeitgleich und auf hohem Niveau miteinander erbringen.

Bewerberinnen mit Kindern haben aufgrund der Familienphase und des kommunalpolitischen Engagements möglicherweise Abstriche in ihrer beruflichen Laufbahn hinzunehmen. Nur wenn der Taktgeber „Fürsorgepflichten“ nicht vorhanden ist, können Frauen in den anderen Lebensbereichen das „volle Programm“ leisten.

Zwei Fragen drängen sich daher aus Genderperspektive auf:

  • Müssen es genau die Voraussetzungen des „KandidatEN-Profils“ sein?
  • Was muss passieren, damit mehr Frauen diese Voraussetzungen erfüllen und sich häufiger selbst als potenzielle Bürgermeisterinnen erkennen bzw. von anderen erkannt werden?

Antworten auf die zweite Frage können an dieser Stelle lediglich kursorisch gegeben werden, da es hier um nichts Geringeres als das grundsätzliche gleichstellungspolitische Ziel der notwendigen Angleichung von Werdegängen bzw. Lebenszusammenhängen zwischen Frauen und Männern geht – also ihrer beruflichen, familiären, politischen und gesellschaftlichen Teilhabe. Mit Blick auf die beruflich-politischen und familiären Voraussetzungen für das Bürgermeisteramt geht es darum, dass

  • Frauen endlich gleichermaßen wie Männer einen hohen Ausbildungs- und Berufsstatus erwerben, kommunalpolitische Erfahrung und/oder kommunale Verwaltungserfahrung sammeln können und
  • partnerschaftliche(re) Familienverhältnisse dafür sorgen, dass Mütter endlich gleichermaßen wie Väter Familiengründung und politisch-beruflichen Aufstieg miteinander vereinbaren können.

Unterschiedliche biografische Voraussetzungen von Frauen und Männern perspektivisch angleichen

Zukünftige Bürgermeisterinnen finden heißt also, auch das „große Ganze“ zu sehen und sich für dieses gesamtgesellschaftliche gleichstellungspolitische Ziel einzusetzen.

Was sich verbietet, ist, die großen Gemeinsamkeiten in den Biografien gegenwärtiger Bürgermeisterinnen und Bürgermeister als gegeben zu nehmen, ohne das biografische Gleichziehen der Bürgermeisterinnen angemessen einzuordnen. Bewertungen wie „Geht doch!“ oder „Die schaffen es doch auch!“ verkennen, dass es angesichts der gegenwärtigen gesamtgesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse für Frauen ungleich schwerer ist als für Männer, diese Voraussetzungen zu erbringen. Der Anteil unter allen Frauen, die diese Voraussetzungen erfüllen, ist also deutlich geringer als der Anteil unter allen Männern, die diese Voraussetzungen erfüllen. Frauen brauchen überdurchschnittliche Biografien, Männer lediglich durchschnittliche. Solange die Geschlechterverhältnisse Frauen diese Grenzen für den Weg ins Bürgermeisteramt setzen, werden Frauenbiografien, die sie erfüllen, Ausnahmen bleiben.

Autorin: Dr. Uta Kletzing ist langjährige Expertin für das Thema „Frauen in Führungspositionen“, insbesondere in der Kommunalpolitik.

Lesen Sie den kompletten Artikel „Nie wieder ‚Aber wir finden keine Frauen‘!“ in Verwaltungsmanagement & Kommunalpolitik.


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