Kommunale Altenhilfe: Wie Sie lokale Unterstützungsstrukturen aufbauen

© iStock / Getty Images Plus / IPGGutenbergUKLtd

Schon in vielen Kommunen werden die Bedarfe älterer Menschen ermittelt, auch erfolgen systematische Bedarfs- und Infrastrukturplanungen und es gibt unter Beteiligung älterer Menschen eine aktivierende und auf Teilhabe gerichtete Politik. Um eine bessere Abstimmung mit anderen Bereichen der Daseinsvorsorge zu erreichen, ist es erforderlich, die kommunale Altenhilfe bundesweit auf- und auszubauen. Wie Sie Sozialräume bedarfsgerecht gestalten, stabile Sorgestrukturen schaffen, generationsübergreifende Vorhaben gezielt umsetzen und die gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen sichern, erfahren Sie in diesem Artikel.

Kommunen haben grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten, Strukturen der Sorge und Mitverantwortung zu gestalten, zu fördern und zu stärken. Zentrale Felder einer integrierten lokalen Politik sind:

Gesundheitliche Versorgung: Prävention und Wohnortnähe

Sicherstellung der Versorgungsstrukturen

Mit dem Thema „Gesundheit im Alter“ werden gedanklich häufig Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte, Therapeuten, Pflegeheime oder ambulante Pflegedienste verbunden. Allerdings ist mittlerweile deutlich, dass es neben der kurativen medizinischen Versorgung auch um Gesundheitsförderung, Prävention, Rehabilitation, Palliation und eine estärkere Patientenorientierung gehen muss.

Kommunen sollen eine leistungsfähige, patientennahe haus- und fachärztliche sowie klinisch-stationäre Versorgung sicherstellen können, die die Autonomie und Teilhabe alter Menschen unterstützt. Um dabei den regionalen Besonderheiten gerecht zu werden, empfiehlt sich

  • eine Regionalisierung der Gesundheitsversorgung,
  • ein Ausbau der kommunalen Verantwortung
  • sowie eine Stärkung der interkommunalen Zusammenarbeit.

Lokale Gesundheitszentren mit integrierten Versorgungskonzepten

Für eine bessere Versorgung alter Menschen wird es erforderlich werden, die allgemein- und fachärztliche ambulante Versorgung auf der einen Seite und die Krankenhausversorgung auf der anderen Seite so weiterzuentwickeln, dass mehr Kooperationen und integrierte Versorgungskonzepte möglich werden. Eine sektorübergreifende Bedarfsplanung, eine Vernetzung von Angeboten sowie eine verbesserte Zusammenarbeit der Ärzte mit anderen Gesundheits- und Sozialberufen sind hierbei von besonderer Bedeutung. Als Erfolg versprechendes Modell werden Medizinische Versorgungszentren (MVZ) genannt.

Wie kommt der Arzt wieder ins Dorf?

Strukturschwache ländliche Regionen können schon heute frei werdende Arztpraxen vielfach nicht mehr besetzen. Ein Grund ist die hohe Arbeitsbelastung für den „Dorfarzt“ durch Tätigkeiten, zu deren Ausübung nicht unmittelbar ein Medizinstudium Voraussetzung ist. Abhilfe schaffen können neue Organisationsformen der gesundheitlichen Versorgung und die Kooperation zwischen den Gesundheitsberufen.

Weitere Anreize, wieder mehr Ärzte für die Arbeit im ländlichen Raum zu gewinnen, können beispielsweise Investitions- und Honorarzuschüsse, Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Praxisstandorten, nach Wohnraum sowie nach Kinderbetreuungsmöglichkeiten sein. Familienkompatible Arbeitszeiten könnten weitere Impulse für junge Mediziner geben, sich auf dem Land niederzulassen.

Rehabilitation und Palliation

Grundsätzlich ist der Präventionsgedanke mit Blick auf die Erhaltung von Selbstständigkeit, Autonomie und Teilhabe im hohen Alter in Deutschland nicht ausreichend umgesetzt – was auch für die Rehabilitation gilt. Angesichts des im hohen Lebensalter deutlich steigenden Risikos chronischer Erkrankungen und zunehmender Gebrechlichkeit sollten Kommunen den verschiedenen Komponenten der Rehabilitation (mobile, ambulante und stationäre Rehabilitation) und der Palliation (ambulante und stationäre Palliation) im Kontext gesundheitlicher Versorgung ein größeres Gewicht geben.

Kommunen könnten eine sachgerechte, zeitnahe und bürgernahe Versorgung, die den spezifischen örtlichen Bedingungen Rechnung trägt, garantieren. Durch eine bessere Vernetzung der Versorgungsangebote und der Akteure im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich könnten sie zudem für mehr Effizienz und Qualität beitragen.

Kommunale Altenhilfe
Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Sorge und Pflege: gemeinsame Verantwortung als Ziel

Mehr Alte, weniger pflegende Angehörige

Die Versorgung und Pflege alter Menschen erfordert eine veränderte Herangehensweise: Die Bevölkerungsentwicklung bewirkt, dass die Zahl der erwachsenen Kinder abnimmt, die ihre Eltern pflegen könnten. Zudem nimmt die Mobilität in der Gesellschaft zu, weshalb die Angehörigen seltener am selben Ort wie die auf Pflege angewiesenen Familienmitglieder leben. Auch leben immer mehr Menschen in Einpersonenhaushalten, womit die Option der Partnerpflege im gemeinsamen Haushalt entfällt. Schließlich nimmt die Erwerbsbeteiligung pflegender Angehöriger zu, was die Frage der Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit drängender werden lässt.

Eine Perspektive wird dagegen in einem neuen Verständnis von Pflege sowie einer grundlegenden Neuordnung der Versorgungsstrukturen betont, insbesondere für eine systematische flächendeckende Stärkung von gemischten Pflegearrangements.

Bei diesem Ansatz greifen gemäß dem Leitbild einer geteilten Verantwortung für die Pflege familiäre, nachbarschaftliche, freiwillige und professionelle Hilfen ineinander. Wo solche Arrangements als häusliche Pflege bereits bestehen, sollten sie stabilisiert werden, wo es sie nicht gibt, müssten sie ermöglicht werden. Das gilt insbesondere auch in den Fällen, bei denen auf Unterstützung angewiesene allein lebende Menschen keine Angehörigen haben und nur auf kleine, nicht leistungsstarke soziale Netzwerke zurückgreifen können.

Wohnortnahe Unterstützungs-, Versorgungs- und Pflegebedarfe

Bedarfe nach Unterstützung, Versorgung und Pflege sollten dort gedeckt werden, wo sie entstehen, damit die Sorgeleistungen besser an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet werden können. Gemischte Sorgestrukturen müssen deshalb wohnortnah und unter Berücksichtigung der lokalen Rahmenbedingungen gestaltet sein.

Hier wird gerade den Kommunen eine zentrale Rolle zugedacht: Sie sollten wohnortnahe Strukturen der Beratung und des Fallmanagements aufbauen, was eine Übertragung von Aufgaben der Pflegekassen unter anderem im Bereich des Care- und Case-Managements voraussetzt.

Pflegeversicherung für alle

Die Weiterentwicklung und die Leistungsausweitung der sozialen Pflegeversicherung bedürfen zusätzlicher finanzieller Mittel. Diese müssen auch den kommunalen Aufgaben im Bereich der Pflege sowie der Förderung des familialen und gesellschaftlichen Engagements zur Unterstützung von Sorge und Pflege zugutekommen. Zu empfehlen ist daher – auch aus Gründen der Finanzierungsgerechtigkeit – eine vorurteilsfreie zügige Prüfung des Konzepts einer „Pflegeversicherung für alle“.

Wohnungspolitik und Sicherung der Mobilität

Vertrautes Umfeld sichert Teilhabechancen

Je älter Menschen werden, desto kleiner wird ihr Bewegungsradius und sie verbringen mehr Zeit in der eigenen Wohnung. Unter dem Gesichtspunkt der Teilhabe und der umfassenden Sorge für die Alten ist es auch Aufgabe der Politik, die Wohnsituation älterer Menschen so zu gestalten, dass sie in die Gesellschaft eingebunden bleiben und ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Eine am Ziel der Teilhabe orientierte Gestaltung der konkreten Wohnorte setzt voraus, dass vor allem die kommunale Politik Wohnung und Wohnumgebung zusammen betrachtet. Das erfordert ein abgestimmtes Handeln in verschiedenen Bereichen und betrifft vor allem folgende Handlungsfelder:

  • Wohnungsmarktpolitik
  • Förderung des barrierefreien oder barrierearmen Wohnraums
  • Förderung unterstützender Technik
  • Sicherung von Mobilität und Erreichbarkeit
  • Gestaltung des Sozialraums und Förderung nachbarschaftlicher Beziehungen

Bezahlbarer, altengerechter Wohnraum

Eine große Bedeutung kommt insbesondere der Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum zu. Um steigenden Miet- und Immobilienpreisen entgegenzuwirken und auch einkommensschwachen Senioren eine würdige und altersgerechte Wohnversorgung zu ermöglichen, ist ein Bündel unterschiedlicher wohnungsmarktpolitischer Instrumente erforderlich, darunter soziale Milieuschutzsatzungen oder die soziale Bodennutzung. Bund, Länder und Kommunen sollten sich um eine Wiederbelebung der sozialen Wohnraumförderung bemühen. Auch der Erwerb von Belegungsbindungen im Bestand kann ein gangbarer Weg sein.

Da lokale Wohnungsmärkte sehr unterschiedlich sind, sollten Kommunen, differenzierte, auf die besonderen Gegebenheiten der lokalen Teilräume ausgerichtete Strategien entwickeln, um in ausreichendem Umfang angemessenen, also auch barrierefreien bzw. -armen Wohnraum auch für einkommensschwache Haushalte älterer Menschen zur Verfügung stellen zu können.

Spielräume bei Baugenehmigungen und Investitionsförderungen nutzen

Die Schaffung eines differenzierten und vielfältigen Angebots an Wohnmöglichkeiten für ältere Menschen kann durch Entwicklung und Umbau des Wohnungsbestands ebenso erreicht werden wie durch Neubau. Kommunen können dazu Spielräume bei Baugenehmigungen und Investitionsförderungen nutzen. Außerdem müssen die verschiedenen Wohnformen sichtbarer und die Zugänge dazu einfacher gemacht werden.

Bei der Bedarfsermittlung, der Planung sowie der Umsetzung von Maßnahmen sollten verschiedene Ressorts innerhalb der kommunalen Verwaltung, der Kommunalpolitik, kommunale, gemeinnützige, kirchliche und privatwirtschaftliche Anbieter sozialer Dienstleistungen, die Wohnungswirtschaft, Wohlfahrtsverbände sowie Bürger kooperieren und zusammenwirken. Den Kommunen kommt damit zunehmend die Aufgabe zu, Akteure zu mobilisieren, Netzwerke zu initiieren, neue Kooperationsformen ins Leben zu rufen, Projekte mit verschiedenen Kooperationspartnern zu managen, die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Handlungsfeldern einer umfassend verstandenen Wohnpolitik zu gestalten.

Kommunale Altenhilfe durch Mobilitätsstrategien

Soziale Teilhabe älterer Menschen setzt Mobilität und Erreichbarkeit voraus. Dazu sind verschiedene Verkehrsmittel und mobilitätsbezogene Dienstleistungen so miteinander zu kombinieren, dass es auf einem Weg möglichst wenige zeitliche und räumliche „Brüche“ gibt.

Elemente einer Mobilitätsstrategie für ältere Menschen können sein:

  • Anpassungen bestehender Mobilitätsangebote (etwa Busse) an die Bedürfnisse älterer Menschen (Sitzgelegenheiten, Fahrweise)
  • Einsatz digitaler Informationsmöglichkeiten (z.B. über Ankunft, Abfahrt, Baustellen, Verlegung von Haltestellen)

Sozialräume gestalten, nachbarschaftliche Beziehungen fördern

Für die Entwicklung lokaler Strukturen der Sorge und Mitverantwortung spielen soziale Beziehungen zwischen nahe beieinander lebenden Menschen eine zentrale Rolle. Neben der Unterstützung und Pflege innerhalb von Familien werden seit einiger Zeit vor allem die gegenseitige Hilfe und Unterstützung in Nachbarschaften als ein Baustein eines neu und ganzheitlich gestalteten Pflegewesens gesehen. Die Kommunen können Nachbarschaft dadurch stärken, dass sie den öffentlichen Raum in den Quartieren, Stadtteilen, Dörfern oder Siedlungen in einer Weise gestalten, die Begegnungen, Austausch und Kontakt zwischen den dort lebenden Menschen erleichtert und wahrscheinlicher werden lässt. Ein wichtiges Element hier ist eine dezentrale und kleinräumig verteilte Infrastruktur für Versorgung und Freizeit. Wo eine solche Infrastruktur existiert, gibt es auch Orte der Begegnung.

Autor: Wolfram Markus (Chefredakteur des kommunalen Fachmagazins „der gemeinderat“ (www.treffpunkt-kommune.de) und Herausgeber des Handbuchs „Verwaltungsmanagement & Kommunalpolitik“)


Das könnte Sie auch interessieren:

Daseinsvorsorge und soziale Teilhabe alter Menschen in Kommunen

23. Juni: Tag der Daseinsvorsorge, damit etwas „da ist“

Senioren: Warum Mobilität im Alter wichtig ist

Add Comment