Stadtentwicklung im ländlichen Raum: 2 Beispiele in Sachsen

© Screenshots und Darstellung: WEKA-Redaktion; www.frauenstein-erzgebirge.de, www.stadt-groeditz.de

 

Deutschland ist ein Land der Kleinstädte, dieser Gemeindetypus dominiert hier mit einem Anteil von annähernd 60 % die Siedlungsformen. Und: Ein Drittel der Bevölkerung Deutschlands lebt in Kleinstädten. Der Artikel vermittelt anhand der beiden Beispiele Frauenstein im Erzgebirge und Gröditz, wie Stadtentwicklung im ländlichen Raum die Funktionsfähigkeit von Kleinstädten und die Daseinsvorsorge stärken kann.

Inhalt

Beispiel Frauenstein im Erzgebirge

Beispiel Gröditz

 

Beispiel Frauenstein im Erzgebirge

Kompaktes sowie ansehnliches Zentrum

Die einstige Bergbaustadt Frauenstein kann nicht nur wegen ihrer exponierten topografischen Situation als Kleinod in Sachsen gelten: Eindrucksvoll ist auch der Ortskern mit Stadtkirche und dem Marktplatz samt historischer Postmeilensäule und Silbermannbrunnen als Mittelpunkt. Drumherum gliedern sich in markanter Blockrandbebauung hübsche Altstadthäuser mit historischen Fassaden.

Stadtentwicklung im ländlichen Raum
Quelle: Wolfram Markus
Links: Die Stadt Frauenstein im ländlichen Sachsen. Das Bild zeigt einen Teil der typischen Blockrandbebauung des Marktplatzes mit dem Rathaus und dem Schloss im Hintergrund.
Rechts: Frauensteins Bürgermeister Reiner Hentschel ist stolz auf das, was im Zusammenhang mit der Sicherung der Grundschule (im Hintergrund zu sehen) am angestammten Platz im Zentrum der Stadt erreicht wurde.

Kontinuierlicher Einwohnerschwund

Existenzbedrohend sind heute schleichende, erst über viele Jahre hinweg spürbare Entwicklungen, über die sich die kommunalpolitisch Verantwortlichen Gedanken machen müssen.

Wie in vielen anderen Kleinstädten heißen diese auch in Frauenstein

  • demografische Entwicklung,
  • Wegzug der jüngeren Generation,
  • wirtschaftlicher Strukturwandel,
  • Schwächung einst stabiler Einnahmequellen und
  • strukturelle Finanzprobleme.

Ihre Wirkungen zeigen sich nicht nur direkt am kontinuierlichen Rückgang der Einwohnerzahl, sie sind auch ablesbar etwa am Leerstand von Einzelhandelsgeschäften. Die bisherigen Inhaber geben ihr Metier altersbedingt oder wegen zurückgehender Umsätze auf, ihre Kinder zieht es nach außerhalb in gut bezahlte und sichere Jobs.

Auch der Tourismus bringt nicht mehr das Geld in die Stadt, wie es die Gastronomen und Hoteliers gewohnt waren. So steht inzwischen einer der großen Gasthöfe im Ortskern leer und für hungrige Touristen auf Stippvisite wird die Auswahl an gastronomischen Angeboten geringer.

„Kulissen“ gegen offensichtlichen Leerstand

Wenn es auch den Mangel des Leerstands nicht behebt, versucht man, wenigstens die triste Optik nach und nach sich leerender Geschäftsstraßen zu vermeiden: Die einstigen Geschäftshäuser sind überwiegend gut in Schuss und wo es sich anbietet, wird schon auch mal das leer stehende Ladengeschäft nebenan vom noch aktiven Nachbarn als Erweiterung der eigenen Schaufensterfront genutzt.

Grundschule am historischen Standort oder auf der grünen Wiese?

Um weit mehr als nur um Optik ging es bei der Entscheidung, wie mit einem das Bild des Marktplatzes beherrschenden Gebäude umgegangen werden soll, an dem der Zahn der Zeit mächtig genagt hatte: Die 1871 erbaute „Bürgerschule“, die Grundschule der Stadt, in der rund 100 Schüler der Klassen 1 bis 4 unterrichtet werden.

In der Vergangenheit nur sporadisch saniert und (bau-)technisch längst nicht mehr auf dem neuesten Stand, sollte das Gebäude seine bisherige Nutzung verlieren. Die Stadtväter erwogen einen Neubau auf der „grünen Wiese“. Hintergrund der Idee war eine „Grundschule für alle“, die dann auch die Schüler der umliegenden Ortschaften aufnimmt.

Was mit dem alten Gebäude anfangen?

Als problematisch hätte sich dann allerdings die weitere Verwendung des alten Standorts erwiesen – immerhin ein Stadtbild prägendes, mehrgeschossiges Bauwerk mit enormer Kubatur, dessen Leerstand negative Signale in Richtung Bürger und Handel ausgesandt hätte, ebenso wie eine nicht ins Stadtzentrum passende Nutzung.

Bedeutung eines funktionierenden Stadtzentrums

Man beschloss deshalb, das alte Schulgebäude grundlegend zu sanieren und zu einer modernen Bildungseinrichtung umzubauen. Gelegen kam hier das 2010 vom Bundesbauministerium und den Ländern gestartete Städtebauförderungsprogramm „Kleinere Städte und Gemeinden – überörtliche Zusammenarbeit und Netzwerke“ als ein Baustein der „Initiative Ländliche Infrastruktur“ des Bundes.

Anliegen des Programms ist es, kleinere Städte und Gemeinden vor allem in dünn besiedelten bzw. ländlichen Räumen als Ankerpunkte der Daseinsvorsorge für die Zukunft handlungsfähig zu machen und ihre zentralörtliche Versorgungsfunktion dauerhaft, bedarfsgerecht und auf hohem Niveau für die Bevölkerung der gesamten Region zu sichern. Die Stärkung der Innenstädte gehört dabei zu den Programmzielen.

4 Millionen Euro investiert

Für die Schulsanierung musste die Stadt Eigenmittel in Höhe von 1,35 Millionen Euro einsetzen, von denen 600.000 Euro kreditfinanziert sind. Die Gesamtinvestitionskosten für die Schule belaufen sich auf rund 4 Millionen Euro, wobei der reine Baukostenanteil bei 3,9 Millionen Euro liegt. Der Rest floss in eine zeitgemäße Ausstattung, zu der auch Computer und ein WLAN-Netzwerk gehören.

Beispiel Gröditz

Abwärtstrend bei Bevölkerungszahlen

Ebenso hatte die Stadt Gröditz lange Zeit mit einem Bevölkerungsschwund zu kämpfen. Wirtschaftlich allerdings geht es der im nordöstlichen Sachsen nahe der Landesgrenze zu Brandenburg gelegenen Kommune gut. Durch das ortsansässige Stahlwerk und viele kleine, aber verlässliche Gewerbesteuerzahler fließen der Stadtkasse stabile Einnahmen zu und bei den ortsansässigen Unternehmen haben viele Gröditzer einen Arbeitsplatz gefunden. Wer am Ort selbst keinen passenden Job findet, muss nicht weit ins Umland fahren, um in Lohn und Brot zu kommen.

Geld ist da, Defizite gibt es beim kulturellen Zusammenhalt

Die Defizite sind auf einem anderen Feld zu finden: Gröditz ist keine Stadt, die über die Jahrhunderte weg durch ein Wachsen gekennzeichnet war, das sich in und um einen eindeutig definierten städtebaulichen Kern herum vollzog. Eine sehr rege industrielle Entwicklung prägte die bauliche Entwicklung. Dies ist heute noch an der gewissen Gesichtslosigkeit des Ortes zu erkennen, dessen Erscheinungsbild zumindest bei erster Betrachtung von weithin sichtbaren mächtigen Plattenbauten und dem der Trinkwasserversorgung dienenden markanten Wasserturm am Stadtrand geprägt wird.

So wie eine historisch gewachsene, attraktive bauliche Identität fehlt, ist auch ein gewachsenes Kulturleben zu vermissen. Es gibt 39 Vereine in der Stadt, doch ein kultureller Mittelpunkt, in dem sich deren Aktivitäten auch zeigen können, fehlte bislang. Zwar wurden in früherer Zeit für die Sportvereine Heime geschaffen, indem man aus den Teilen abgerissener Plattenbauten neue Gebäude erstellte, die Kulturvereine dagegen kamen nicht in den Genuss dieses „Bauprogramms“.

Zentrum für Begegnung und Kultur

Ein Kulturbegegnungszentrum sollte diesen Zustand beenden. Besonders gelegen kam der Stadtverwaltung, dass ein im Ort gelegener Dreiseithof zum Verkauf stand. Ein Leerstand des beeindruckenden Ensembles wäre nicht akzeptabel gewesen.

Da man schon einige Zeit eine neue Unterbringungsmöglichkeit für eine Kindertagesstätte und die Kinderbibliothek suchte, entwickelte sich die Idee, diesen Einrichtungen in den Gebäuden des ehemaligen landwirtschaftlichen Gutes eine neue Heimstatt zu geben und gleichzeitig für die Kulturvereine Räume für Veranstaltungen zu schaffen.

Bibliotheks- und Kita-Betrieb laufen, und auch die Veranstaltungstonne ist nutzbar. Im zweiten Längsgebäude des Hofguts entstanden multifunktionale Veranstaltungsräume, die u.a. die Seniorensportgruppen nutzen, die aber auch als Sitzungssaal für den Gemeinderat dienen. Die gesamte Haustechnik entspricht den aktuellen Standards und ist auf einen energieeffizienten, wirtschaftlichen Betrieb der Begegnungsstätte eingerichtet.

Stadtentwicklung im ländlichen Raum
Links: In dem lange Zeit landwirtschaftlich genutzten Dreiseithof in Gröditz hat u.a. mit der städtischen Bibliothek und einer Kindertagesstätte neues Leben Einzug gehalten. (Quelle: STEG Stadtentwicklung)
Rechts: Bürgermeister Jochen Reinicke: „Es wird sich auszahlen, dass alle zusammenrücken. Wir haben unser Geld gut eingesetzt.“ (Quelle: Wolfram Markus)

Rücklaufmittel aus Förderprogrammen flossen nach Gröditz

Ein zweiter glücklicher Umstand, neben dem Freiwerden eines geeigneten, entsprechend großen Gebäudes für das Vorhaben, ergab sich in Bezug auf die Finanzierung: Die Stadt kam für ihr auf ein Gesamtvolumen von 3,8 bis 4 Millionen Euro veranschlagtes Projekt in den Genuss von Rücklaufmitteln aus staatlichen Förderprogrammen.

Autor: Wolfram Markus
Chefredakteur des kommunalen Fachmagazins „der gemeinderat“ (www.treffpunkt-kommune.de) und Herausgeber des Handbuchs „Verwaltungsmanagement & Kommunalpolitik“


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